SPD Ortsverein Bautzen und Umgebung

Rede von Roland Fleischer, anläßlich des Holocoust Gedenktages am 27. Januar 2019

Reden

Rede Gedenkveranstaltung Außenstelle Groß-Rosen am 27.Januar 2019

Redner: Roland Fleischer – SPD Bautzen

Heute vor 74 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Eines von etwa eintausend Lagern, in denen Millionen von Menschen von den Nationalsozialisten mitleidslos ausgebeutet,

für medizinische Versuche missbraucht, entmenschlicht und auf schrecklichste Art und Weise ermordet wurden.

In diesen Lagern wurden Menschen jüdischen Glaubens, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialisten, Kriegsgefangene, Pfarrer, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, geistig behinderte Menschen und sogenannte Asoziale interniert.

Männer, Frauen, Kinder, Babys.

Die Nationalsozialisten sparten niemanden aus, der nicht in ihre Ideologie passte.

Sie kultivierten keine Gewissensnot, keine moralischen Barrieren, hatten keinen Sinn für Schuld und Menschenrechte.

Einfühlungsvermögen und feinsinniger Verstandestätigkeit maßen sie keinen Wert bei.

Wer nicht zum engen Zirkel des im nationalsozialistischen Sinne lebenswerten Lebens gehörte, wurde zur Vernichtung freigegeben.

Eine derart enge Auffassung vom Leben, ein Aussparen jeglicher Gewissensregungen, eine Negierung von Schuld.

Ist das mit dem Kern des Menschseins vereinbar?

Was unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen, was macht ihn aus?

Was macht den Menschen letztlich zu einem freien Wesen?

Friedrich Schiller hat sich am Ende des 18. Jahrhunderts mit dieser Frage befasst und kommt zu dem Ergebnis,

die Freiheit des Menschen und sein ureigenster Kern

seien seine geistige Klarheit,

sein Vermögen zur Reflexion und seine moralischen Möglichkeiten.

Ein Wesen, das nur handelt, ohne selbstständig und ganz individuell Dinge zu durchdenken, ohne abzuwägen, ohne zu bewerten,

kann nach Schiller niemals frei sein.

Denn ein solches Wesen ist den Gewalten der Natur unterworfen ohne die Möglichkeit, sich über die Dinge auf geistiger Ebene einen Überblick zu verschaffen.

Ein solches Wesen reagiert, kann aber niemals einen Ausweg aus der Gewalt finden.

Nur wer in der Lage ist, mit Distanz über die Welt zu reflektieren und auf Grundlage moralischer Werte zu entscheiden, unterscheidet sich von den Gewalten der Natur und erfüllt den Kern des Menschseins.

Die Ideologie der Nationalsozialisten negiert diesen Kern des Menschseins, denn sie blendet alles Menschliche aus und entmenschlicht damit nicht nur ihre Opfer, sondern auch ihre Anhänger.

Wie ist es möglich, dass das nationalsozialistische Gedankengut im Deutschland der 30er Jahre weite Teile der Gesellschaft dennoch widerstandslos durchdringen konnte?

Wie kann das Unmenschliche, das Nicht-Menschliche, wenn wir bei Schiller bleiben, eine Gesellschaft derart durchtränken?

Natürlich gab es glühende Nationalsozialisten, die ihre Zeit endlich gekommen sahen.

Aber die Maschinerie der Vernichtung Andersdenkender und die Maschinerie der Vorbereitung eines weiteren Weltkrieges erforderte mehr Potenzial als das der jubelnden und überzeugten Anhänger.

Es brauchte ganz gewiss auch die Kraft und Unterstützung der politisch nicht aktiven und im Sinne des Nationalsozialismus unauffälligen Bürger.

Das exakte nationalsozialistische Räderwerk der Vernichtung und Gewalt erforderte eine gut funktionierende Bürokratie,

eine geeignete Infrastruktur,

klare Hierarchien,

die gesellschaftliche Beachtung finden mussten.

Jede städtische Einrichtung,

die Polizei, die Schulen, Kindergärten, Vereine – einfach alles war ideologisch durchdrungen.

Die große Mehrheit der deutschen Bürger musste ihren kleinen Beitrag leisten, damit die große Maschine lief.

Wie steht es um die persönliche Verantwortung dieser gewöhnlichen Leute, die nur einen kleinen übersichtlichen, aber nötigen Beitrag zum Bestehen des Systems leisteten?

Was ist mit den Lehrern, die ihren Schülerinnen und Schülern oft sicher wider besseres Wissen die absurde Rassenideologie der Nationalsozialisten vermittelten?

Was ist mit den Eisenbahnangestellten, die die Züge Richtung Auschwitz lenkten und die Not und das Elend der Gefangenen gesehen haben müssen?

Was ist mit den Familien, die umzogen in eine schönere und größere Wohnung, die gerade frei wurde, weil eine jüdische Familie deportiert worden war?

Warum ließen sich so viele Menschen in der Ideologie der kleinen Rädchen entmenschlichen, statt auf ihrer Freiheit zu bestehen?

Warum übernahmen nicht mehr Menschen persönliche Verantwortung für ihre Taten und verzichteten darauf, sich von der Ideologie der Nationalsozialisten korrumpieren zu lassen?

Sind diejenigen persönlich verantwortlich, die sich einließen auf die Ideologie der Nationalsozialisten, weil sie keine Nachteile in Kauf nehmen wollten, weil sie nicht auffallen wollten, weil sie auch ein bisschen profitieren wollten, weil sie Angst hatten aufzufallen?

Hannah Arendt, eine Wissenschaftlerin und große Denkerin jüdischen Glaubens, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 aus Deutschland fliehen und 1941 in die USA emigrieren musste, gibt darauf eine klare Antwort.

Sie schreibt, ich zitiere aus ihrem Vortrag „Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?“:

„ … dort, wo das eigene Leben auf dem Spiel steht, mag eine Versuchung juristisch vielleicht ein Verbrechen entschuldigen … – eine moralische Rechtfertigung ist sie dennoch nicht.“

Sich auf seine Feinde einzulassen, um Schlimmeres zu verhüten, ist keine Form des Widerstands, sondern eine raffinierte Strategie, sein Gewissen zu beruhigen und nicht wahrhaben wollen, dass man sich längst auf die Spielregeln des Gegners eingelassen hat.

Wer also der Versuchung erlag, sich von den Nationalsozialisten bestechen zu lassen,

selbst wenn das eigene Leben auf dem Spiel stand, lud nach Hannah Arendt moralische Schuld auf sich – auch wenn er juristisch nicht belangt werden konnte.

Mit dieser Schuld zu leben, war eine schwere Bürde, die ein großer Teil der Nachkriegsgesellschaft tragen musste.

Eine kollektive Schuld dagegen lehnte Arendt immer vehement ab.

Sie verlangte nicht, dass jemand alles getan haben musste, um Verbrechen zu verhindern.

Auch ein kollektives Schuldgefühl deutscher Nachkriegsgenerationen, die die Nazi-Zeit nicht oder als Kinder erlebt hatten,

hielt sie für absurd.

Schuld bedeutet für sie ein aktives und willentliches Mitwirken an einem unmoralischen Geschehen: Wer willentlich Organisationen, Parteien, Vereine oder Ähnliches unterstützt, die gegen grundlegende menschliche Rechte verstoßen,

macht sich schuldig,

wer wissentlich von der Not und dem Elend anderer profitiert,

macht sich schuldig,

wer sich zum eigenen Vorteil kaufen lässt,

macht sich schuldig.

Wer aber behauptet, jeder Deutsche im Dritten Reich sei schuld gewesen, der sorgt dafür, dass die tatsächlich Verantwortlichen sich in einem Meer vermeintlich Schuldiger verstecken können.

Meine Damen und Herren,

Friedrich Schiller und Hannah Arendt sind sich darin einig, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist,

das reflektieren und moralisch werten kann.

Vernunft, Denkvermögen und Moral geben dem Menschen die Möglichkeit, sich nicht von der Gewalt der gesprochenen Worte oder begangenen Taten hinwegreißen zu lassen.

Er muss nicht Gewalt mit Gewalt oder Gewalt mit Resignation beantworten.

Im Gegenteil: Vernunft, Denkvermögen und Moral ermöglichen uns, Ungerechtigkeiten entgegenzutreten.

Sie verpflichten uns dazu, zu verhindern, dass Menschen entmenschlicht oder entwürdigt werden.

Auch in der Gegenwart!

Vielen Dank!

 
 

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